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Starke Persönlichkeiten: Anna Weber setzt sich für Menschen in der Prostitution ein

Wenn mir alten Schulfreundinnen über den Weg laufen, dann freue ich mich immer riesig über den interessanten Austausch. Es ist schön zu sehen, in welche Richtung sich der Lebensweg jeder einzelnen Person entwickelt (hat). Das Gespräch mit Anna blieb mir jedoch im Kopf, denn ihr aktueller Job ist einzigartig und sehr beeindruckend.

Sie unterstützt mit ihrem eigens gegründeten Verein Menschen, die in der Prositution tätig sind und waren. Sowohl sozialarbeiterisch als auch ganzheitlich.

Ich dachte mir, dieser außergewöhnliche Einsatz verdient eine Bühne. Und zwar auf meinem Blog.

Hallo Anna! Stell dich unseren Leserinnen und Lesern gerne mal vor.

Hallo, ich heiße Anna, bin 29 Jahre alt und als Sozialarbeiterin tätig. Ursprünglich komme ich aus Altenfelden in Oberösterreich, mittlerweile wohne ich jedoch in Linz. Im September 2021 war ich bei der Gründung des Vereins AURORA beteiligt, welchem ich nun hauptberuflich mein Herz widme.

Wir sind gemeinsam in die HLW gegangen, wie sah dein Werdegang danach aus?

Nach der HLW hat es mich nach Simbabwe verschlagen, um dort ein freiwilliges soziales Jahr zu machen. Anschließend habe ich in Kärnten Soziale Arbeit studiert. Im Zuge eines Praktikums bin ich nach Karlsruhe gezogen, wo ich letztes Jahr in einer Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution arbeiten durfte.

Hat diese Praktikumsstelle zur Vereinsgründung beigetragen bzw. den Stein ins Rollen gebracht?

Ich habe bereits im Studium eine Bachelorarbeit zum Thema Sexarbeit geschrieben. Die Komplexität rund um diesen Bereich hat mein Interesse geweckt.

Durch das Praktikum konnte ich einen ersten “realen” Einblick erhaschen, wie alles zusammenhängt und was das für betroffene Frauen bedeutet. Mir wurde auch bewusst, dass mir Beratung sehr viel Spaß macht und dass Frauen in ihren Rechten und Anliegen zu stärken, für mich eine erfüllende Arbeit ist.

Wie ist es dann zur Vereinsgründung gekommen?

Nach dem Studium begab ich mich auf Jobsuche und in diesem Zuge bin ich zufällig auf die Esther gestoßen. Bei einem gemeinsamen Kaffee kristallisierte sich heraus, wie ähnlich unsere Werte, Vision und Vorstellungen sind.

Darüber hinaus haben wir beide schon lange über das Thema “Wohnprojekt”, quasi ein sicherer Ort für Betroffene, nachgedacht.

Auf den einen Kaffee folgten viele weitere und im März 2020 haben wir all unseren Mut zusammengenommen, um unseren eigenen Verein namens AURORA zu gründen.

Was wollt ihr mit dem Verein konkret erreichen?

Unser beider Vision bzw. Mission ist es, Menschen zu unterstützen, die in der Prostitution tätig sind und waren. Wir nehmen Frauen so an, wie sie sind und hören zu – ohne Vorurteile. Wir zwingen niemanden unsere Ideen auf, sondern begleiten die Menschen einfach dort hin, wo sie wollen. Und zwar mit professioneller sowie innovativer Sozialer Arbeit.

Viele Menschen stempeln Personen im Prostitutionsmilieu mit dem Argument “Selbst schuld” ab. Was ist deine Meinung dazu?

Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, warum jemand in der Prostitution arbeitet. Einige wählen den Job, weil er sie einfach interessiert, andere finden sich aufgrund von äußeren Faktoren, wie finanziellem Druck, in dieser Arbeit wieder. Manche arbeiten in der Prostituion, weil sie als MigrantIinnen in diesem Bereich rasch Arbeit finden können und wenig Alternativen vorhanden sind.
Weitere Gründe können sein:

  • unfreiwillige Prostitution aufgrund von Menschenhandel
  • schleichender Prozess mit beispielsweise Sexcam als Start
  • Einstieg in die Prositution durch die Loverboy-Methode*

Ich bin mir sicher: Viele Frauen, die eine andere Alternative hätten, würden sie wählen.

*Bei der sogenannten Loverboy-Methode versuchen Männer insbesondere junge Frauen über eine vorgetäuschte Liebesbeziehung emotional an sich zu binden, um sie nach einiger Zeit der Prostitution zuzuführen. Quelle: www.lka.polizei-nds.de

Finanzierst du mit diesem Verein deinen Lebensunterhalt oder handelt es sich dabei um ehrenamtliche Arbeit?

Ich bin für ein paar Stunden angestellt, sodass ich meinen Lebensunterhalt finanzieren kann. Meine Mitgründerin ist ebenfalls mit ein paar Stunden angestellt und Mama.

Welche Arbeiten fallen bei dir bzw. euch täglich an? Gib uns einen Einblick in deine Tätigkeit.

Aktuell stecken wir noch in der Aufbauphase. Das heißt viel Administratives wie z.B.: Buchhaltung, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit usw. Seit Mitte Januar arbeiten wir nun intensiv an unserem Projekt der Webplattform.

Wenn unsere Webplattform fertig ist, werden wir in Bordelle, Laufhäuser usw. fahren und unser Projekt vorstellen. Für uns wird es wichtig sein, mit den Frauen in der Prostutiton Beziehungen aufzubauen. Wir werden in unserem Wohnprojekt Frauen in der Prostution bei der Wohnungssuche, Jobsuche und allgemein im Ausstiegsprozess begleiten.

Ihr schreibt auf eurer Website, dass seit 2012 Sexarbeiterinnen eigentlich als Selbstständige gelten, die Arbeitsverhältnisse jedoch oft denen von DienstnehmerInnen gleichen. Wie kann man sich das vorstellen? Und an was liegt das?

Die Frauen sind als sogenannte “neue Selbstständige” tätig. Sie mieten sich in Laufhäuser oder Bordelle ein. Rein rechtlich gesehen haben sie den Betreibern gegenüber keinerlei Verpflichtungen. In der Praxis sieht das jedoch immer wieder anders aus:

  • Arbeitszeiten werden vorgeschrieben (zwischen 60 und 70 Stunden pro Woche (!))
  • Zimmermiete wird automatisch abgeführt (zwischen 600 – 800€ pro Woche)
  • Preise werden vorgeschrieben
  • wenig Handlungsspielraum was das Angebot an Praktiken betrifft (Manche Besitzer schreiben Sex ohne Kondom vor)

Im Gegensatz dazu stehen die ganzen Schwierigkeiten einer Selbstständigkeit, die die Frau auf eigene Faust bewältigen muss: Rechnunge schreiben, Versicherungen eigenständig bezahlen, Steuern abliefern,…

Woran scheitert der alleinige Ausstieg aus der Prositiution?

Das grundlegende Problem ist, dass für viele Frauen der Arbeitsort auch der Wohnort ist. Würden sie aussteigen, säßen sie auf der Straße. Weitere Gründe können sein:

  • fehlende Perspektiven: Viele sehen durch mangelnde Deutschkenntnisse und keiner Ausbildung
  • keine Alternative
  • Stigmatisierung und Vorurteile bei Jobsuche
  • große Angst aufzufliegen (zB durch ehemalige Freier)
  • langwierige Ausstiegsprozess, der viel Kraft und mehr Anläufe braucht
  • mögliche Traumata

Kannst du nach deinem Job abschalten? Oder verfolgen dich manche “Fälle” bis in den Schlaf?

In jedem Beruf ist eine ausgewogene Work-Life-Balance sehr wichtig. Sollten mir Fälle tatsächlich nahe gehen, mache ich am Abend bewusst etwas, das mir Spaß macht, mich ablenkt und Leichtigkeit ins Leben bringt. Weitere Maßnahmen sind:

  • Supervision und Reflexion mit Kollegen
  • kleine Rituale wie z.B.: längeres Händewaschen
  • Bewusstheit schaffen, dass es sich nicht um meine eigenen Probleme handelt

Was ist euer aktuellstes Projekte?

Aktuell arbeiten wir an einer österreichweiten und mehrsprachigen Web-Informationsplattform, wo wir für Menschen in der Prostitution möglichst einfach relevante Informationen bereitstellen. Zum Beispiel:

  • Was sind meine persönliche Rechte?
  • Wie schütze ich mich vor sexuell übertragbaren Krankheiten?
  • Wie und wo bekomme ich Hilfe, wenn ich sie benötige?

Ende 2022 wollen wir das Projekt in Laufhäusern und Bordellen vorstellen.

Wie kann man AURORA unterstützen?

Da wir ein spendenbasierter Verein sind, würden wir uns über finanzielle Hilfe oder ehrenamtliche Arbeit freuen.

Eine Unterstützung ist es auch, wenn man sich einfach näher über das Thema der Sexarbeit informiert. Zum Beispiel auf unserer Website: www.verein-aurora.at

Was wünschst du dir persönlich für den Verein?

Ich wünsche mir, dass

  • wir mit AURORA einen Mehrwert für die Menschen in der Prositutaiton bieten können
  • Sexarbeiterinnen sich gesehen, wertgeschätzt und unterstützt fühlen
  • möglichst viele Menschen ihre Rechte kennen und dafür einstehen können
  • wir den Ausstieg bestmöglich unterstützen und Handlungsmöglichkeiten anbieten können
  • wir weiterhin gegen Ausbeutung kämpfen und Opfer von Menschenhandel gute und professionelle Hilfe bekommen
  • wir als Team weiter wachsen und auch weiterhin viel Freude an unserer Arbeit haben

Was wünschst du dir von unserer Gesellschaft bzw den Leserinnen und Lesern dieses Beitrags?

Ich würde mir von den Leserinnen und Lesern wünschen, dass sie sich weiter zu dieser Thematik informieren. Außerdem ist es mir ein Anliegen, Sexarbeiterinnen nicht zu verurteilen und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Lasst uns gemeinsam gegen Ungerechtigkeit aufstehen und Ausbeutung und Menschenhandel nicht tolerieren!

Für Esther und mich ist AURORA einen Herzenprojekt und Traum, den wir uns mit viel Mut verwirklicht haben. Ich wünsche auch unseren LeserInnen viel Mut, sich Träume zu erfüllen.

Danke für dieses überaus interessante Interview. Ich wünsche euch alles Gute und drücke die Daumen!

Wer mehr über den Verein erfahren möchte, kann sich gerne auf www.verein-aurora.at umsehen.