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Kurzer Selbstversuch: 2 Wochen Social-Media-Detox

Was geschieht mit uns, wenn wir für einen gewissen Zeitraum auf soziale Medien verzichten? Diese Frage stelle ich mir schon länger. In meinem letzten Urlaub habe ich die Chance ergriffen und die Vorstellung in einem kleinen Selbstexperiment in die Tat umgesetzt. Wie es mir während der kurzen Social-Media-Auszeit ging und welche Erkenntnisse ich daraus mitnehmen konnte, erfährt ihr anhand meiner Tagebucheinträge.

Freitag, 19.11.2021
Ein weiterer Lockdown steht in Österreich bevor. Es beklemmt mich. Zu wissen, dass das “Durchhalten” und “Reinbeißen” der vergangenen Male gefühlt umsonst war, macht mich traurig. Etwas wütend, aber vor allem sprachlos. Ohnmächtig.

Menschen feinden sich an, lassen ihrer Umgebung den Unmut spüren, haben sich entfremdet. Die Medien spielen dabei eine große Rolle. Informationen über die wichtigsten Neuerungen müssen sein, vor allem als Ein-Personen-Unternehmen. Aber alles darüber hinaus ist meiner zart besaiteten Persönlichkeit zu viel.

Die nächsten 14 Tage bin ich auf Urlaub, weg von daheim. Ein Trip, der mir schon lange aus dem Kalender entgegenlächelt. Etwas in mir sagt mir, dass ich die Reise machen muss. Für mich und mein Wohlbefinden. Wo genau es hingeht, ist Nebensache.

Der Fokus liegt nämlich auf meinem Selbstversuch. Keine sozialen Medien für die nächsten 14 Tage. Tschüss Facebook, Instagram, Youtube, Snapchat und Tiktok. (Ja, ich nutze mit meinen 27 Jahren tatsächlich Snapchat und Tiktok. Und nein, ich bin nicht stolz drauf.)

Ich bin gespannt, wie es mir ohne vermeintlich perfekter Instagram-Welt und ohne pöbelnder Kommentarsektion auf Facebook geht. Wie ich mich fühle, wenn meine Reize nicht mit Horror-Nachrichten über das aktuelle Geschehen überflutet werden.
Whatsapp möchte ich nach wie vor nutzen, um dem Wohlbefinden von Freunden, Familie und Haustieren nachzugehen.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Flughafen, gespannt auf den Urlaub, neugierig auf meinen Social-Media-Detox.

Freitag, 19.11.2021
Hallo, ich schon wieder! Eine beeindruckende Situation. Ein älteres Ehepaar, mindestens Ü70, sitzt im Flugzeug neben uns.

Die ersten Handlungen von meinem Freund und mir, unmittelbar nach dem Hinsetzen: Selfie an die Familie senden, bevor wir das Handy in den Flugmodus versetzen. Display vor uns an, Filme durchstöbern. Kopfhörer an, Welt um uns herum aus.

Die ersten und einzigen Handlungen des älteren Pärchens neben uns: Hinsetzen, Display ausschalten, Händchen halten.

I know, klingt ziemlich langweilig. Aber nüchtern gesehen sitzt dieses Ehepaar mehrere Stunden da und tut nichts, während wir unser Hirn mit digitalen Reizen überfluten, nur um mit unseren Gedanken nicht alleine sein zu müssen.

Ich bin beeindruckt und stelle mein eigenes Verhalten in Frage.

Samstag, 20.11.2021
Ja, ich bin so dumm und greife jeden Morgen als Erstes zu meinem Telefon, um mir, bevor der Tag überhaupt angefangen hat, die Laune zu vermiesen. Und um ehrlich zu sein habe ich keine Ahnung warum ich das mache. Reine Gewohnheit würde ich behaupten.

Ohne soziale Medien beginnt der Tag viel schöner. Mein Gehirn bedankt sich ebenfalls für die Rücksichtnahme, schön langsam in Betrieb gehen zu dürfen, anstatt mit Informationen überfallen zu werden.

Gleiches gilt für den Abend. Statt Handy halte ich im Bett ein Buch in der Hand. Ich fühle mich nicht nur entspannt, sondern auch intellektuell.

Montag, 22.11.2021
Frühstückstisch. Ich greife aus Reflex zu meinem Handy und will Apps öffnen, die nicht mal mehr installiert sind. Verrückt! (Das Handy trage ich für Fotos bei mir.)

Meine Konzentration liegt zu 100 % auf der Nahrung, die ich zu mir nehme. Normalerweise würde ich neben dem Essen laufend am Handy rumtippen. Deshalb ist die Situation etwas ungewohnt, aber irgendwie schön.

Plus: Ich habe den Eindruck, dass mein Hungergefühl schneller gestillt ist als üblicherweise. Ansonsten sind Augen und Kopf irgendwo zwischen Essen und Youtube-Videos. Mein Hirn kann sich nun zu 100 % auf das konzentrieren, was mein Körper von mir verlangt: Hunger stillen.

Dienstag, 23.11.2021
Das ist ja wie Rauchen! Ich bin auf dem Zimmer und muss (wie immer) auf meinen Freund warten. Um die langweilige Wartezeit zu verkürzen, möchte ich am liebsten zum Handy greifen und surfen. Der Gedankengang passiert vollautomatisch. Raucher hätten zur Kippe gegriffen und ich eben zum Handy.

Mittwoch, 24.11.2021
Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht das Gefühl habe, ohne Instagram und Co. etwas zu verpassen. Für mich und mein Unternehmen ist Instagram ohnehin ein Arbeitswerkzeug, weshalb ich dieses soziale Medium zu mindestens 60 % mit Arbeit verbinde.

Es ist eher ein innerlicher Stress, der tief in mir schlummert. Denn wenn ich nicht regelmäßig Beiträge poste oder Storys mache, merkt dies der Algorithmus der Plattformen sofort, was wiederum heißt, dass nach meiner Rückkehr meine Beiträge und Storys schlechter ausgegeben und sie somit unterm Strich weniger Leute sehen.

Aber ich versuche mich selbst zu beruhigen. Ich meine, wer bin ich schon? Die Königin von England?

Donnerstag, 25.11.2021
“Zeit ist Geld!”, meinte einer meiner vergangenen Lehrer andauernd. Ganz Unrecht hat er damit nicht. Mir persönlich würde der Spruch “Zeit ist wertvoll” besser gefallen. Und heute wird mir erst so richtig bewusst, wie viel ich meiner wertvollen Lebenszeit auf diesen Online-Plattformen verbringe.

Wie gesagt, es gehört zu meiner Arbeit, aber was ist mit den restlichen 40 %, die ich diese Apps privat nutze? Muss das wirklich sein? Ist unser Leben nicht viel zu kurz? Oder sehe ich das alles zu eng?

Freitag, 26.11.2021
Okay, diesen Urlaub verbringe ich mit unglaublich viel Sport. Ich würde sogar sagen, mehr als im Alltag! Liegt es vielleicht daran, dass ich durch die Social-Media-Abstinenz mehr bei mir selbst bin und ich stärker auf meine persönlichen Bedürfnisse eingehe?

Denn wenn wir kurz mal in uns gehen, sind wir, sobald wir auf das Instagram-Icon tippen, mit Augen, Ohren und natürlich Gedanken weg von uns selbst. Unsere Sinne konzentrieren sich auf das Leben anderer. Uns selbst lassen wir dabei außen vor. Klar, für ein paar Minuten ist das absolut nicht verwerflich. Aber wer ist schon “nur ein paar Minuten” in den sozialen Medien unterwegs?

Auf jeden Fall bin ich froh, wieder “mehr bei mir” zu sein. Es ist ungewohnt, fühlt sich aber gut an. Meine oben genannten 40 % könnte ich ruhig verringern …

Sonntag, 28.11.2021
Neben dem Sport verbringe ich viel Zeit mit Lesen. Normalerweise würde ich ein paar Sätze lesen, eine neue Nachricht auf Instagram beantworten, mich in den unendlichen Weiten des sozialen Mediums verlieren und gefühlt zehn Minuten später weiterlesen.

Da ich im Moment keine Nachrichten via Social Media empfangen, geschweige denn die App selbst durchforsten kann, bleibt mein Fokus beim Lesen. Ich kann mich so stärker auf den Inhalt des Buches konzentrieren und meiner Fantasie freien Lauf beim Vorstellen der Charaktere lassen.

Dienstag, 30.11.2021
Heute bin ich nachdenklich und grüble vor mich hin. Vor allem beschäftigt mich eine oft gelesen Headline verschiedenster Berichte: “Instagram macht unglücklich”

Aber macht es das wirklich? Die Vergleiche mit anderen, die man gerne Instagram in die Schuhe schiebt, passieren meiner Meinung nach in der “echten Welt” ebenso. Siehe Zeitschriften. Sprichst du zum Beispiel mit einer ehemaligen Kollegin, wird sie dir vermutlich nur das erzählen, was toll ist. Was alles schiefläuft in ihrem Leben wird sie dir kaum während eines 5-minütigen Smalltalks berichten. Wäre es hingegen deine beste Freundin und statt eines Smalltalks würdet ihr gemeinsam einen Kaffee trinken, sähe die Sache schon anders aus.

Und Instagram ist kein Kaffeetratsch mit besten Freundinnen, Instagram ist Smalltalk mit ehemaligen Kolleginnen! Natürlich versucht jeder sich von seiner besten Seite zu zeigen. Warum sollte ich meinen Followern, mit denen ich größtenteils die letzten 7 Tage kein persönliches Wort gewechselt habe, von meinem gestrigen Mental Breakdown erzählen?

Bitte nicht falsch verstehen, ich heiße dieses “makellose” Verhalten ebenfalls nicht gut und bin generell für mehr Offenheit on- und offline. Aber es liegt für mich persönlich nicht an Instagram, wenn wir uns nach der Nutzung schlecht fühlen. Es liegt vielmehr an uns und unserem verzerrten Selbstbild, welches wir uns einreden lassen. Selbstakzeptanz oder besser gesagt Selbstliebe ist das Keyword!

Vielleicht könnte dieser Beitrag von mir interessant sein? Dieser handelt ebenfalls von Selbstliebe: https://www.carmen-weidinger.com/blog/selbstliebe/

Donnerstag, 2.12.2021
Ich habe mich schon ein paar Mal erwischt, dass ich im Liegestuhl liege und einfach in die Ferne starrte. Dabei spekuliere ich über meine persönlichen Ziele und mein aktuelles Leben.

Es war kein sinnloses Gedankenchaos, sondern ein Träumen begleitet von Glücksgefühlen. Eine sehr schöne Sache – und ich bin mir sicher, dass ich so etwas vor meinem kleinen Experiment ewig nicht mehr gemacht habe.

Ich merke, dass ich mich schön langsam an die “neue Situation” gewöhnt habe. Und mir fehlt es an nichts.

Freitag, 3.12.2021
Heute ist der letzte Tag meines kleinen Experiments. Es ist also an der Zeit für mein persönliches Fazit:

Auch wenn es sich bei den zwei Wochen um keinen gewöhnlichen Zeitraum handelte, da ich mich ja im Urlaub befand, hinterließ die Social-Media-Abstinenz einen sehr aufschlussreichen Eindruck. Es wurde mir gezeigt, wie stark das Bedürfnis nach diesen Apps bereits in meiner Routine bzw. meinem Unbewusstsein verankert ist. Wie selten ich nur bei mir selbst bin. In den paar Tagen konnte ich einige positive Effekte feststellen, wie zum Beispiel:

  • sanfter Einstieg in den Tag
  • stärkere Konzentrationsfähigkeit und
  • Vorstellungskraft
  • erhöhte Selbstwahrnehmung
  • besserer Geschmack von Essen und
  • früheres Sättigungsgefühl
  • ruhigeres Einschlafen

Was mir ehrlicherweise gefehlt hat, war der Austausch mit anderen Menschen per Chatfunktion auf Instagram. Denn viele, vor allem BranchenkollegInnen, habe ich online kennengelernt. Außerdem haben mir die Fotos von anderen als Inspirationsquelle gefehlt. 

Müssen wir nun für ein einfacheres Leben Instagram und Co. löschen? Nein. Social Media gehört für mich persönlich dazu. Zumindest ist das mein aktueller Standpunkt. Es gibt “sanfte” Wege, dem Suchtfaktor und der damit einhergehenden Reizüberflutung bzw. inneren Unruhe entgegenzuwirken. Meine Taktik:

  • Deaktivierung jeglicher Push-Nachrichten; sowohl auf Handy als auch auf Computer
  • Deaktivierung von Signaltönen bei eingehenden Nachrichten; sowohl auf Handy als auch auf Computer
  • Regelmäßige Überprüfung der sog. Bildschirmzeit (bei iPhone; hier kann man sich genau ansehen, wie viel Zeit man pro Woche am Handy und in diversen Apps verbringt)
  • Aktivierung von Fokus “Zeit für mich” (bei iPhone; hier ist mein Handy stumm und alle Nummern-Symbole bei den Apps werden ausgeblendet)
  • Fixierung von Nutzungszeiten für Social-Media-Apps
  • “Ausblenden” von Personen, die mich stressen oder meinen Drang zum Vergleichen verstärken (auf Instagram gibt es die Funktion “Person ausblenden”, man folgt der Person zwar noch, sieht aber ihre Beiträge nicht mehr im Newsfeed)

Samstag, 11.12.2021

Der Alltag hat mich wieder fest im Griff. Fester als erwartet, denn mein Konsum an sozialen Medien hat kurz nach dem Experiment wieder seine vergangene Form eingenommen.

Wichtig ist jedoch, dass ich die Situation erkannt habe und stark daran arbeite dem entgegenzuwirken. Ich möchte wirklich meine Bildschirmzeit am Handy verringern, um wieder in den Genuss der positiven Effekte der Abstinenz zu kommen. Wer weiß, vielleicht lassen sich aus den 40 % gar 20 % machen?